
Im Hintergrund von links nach rechts: Urfallspitze, Gamsspitzl, Wilder Freiger und der Aperer Freiger

Der Weg wird nun zunehmend steiler und ich merke nun, dass ich einen schweren und ungünstig gepackten Rucksack habe. Auch meine Kondition macht mir stellenweise zu schaffen, was sich auch nicht gerade positiv auf meine Trittsicherheit auswirkt.


Der Nebel wird wieder dichter

Der Weg ist stellenweise mit Seilversicherungen versehen. Meine Stöcke sind jetzt eher hinderlich. Dann doch besser am Seil sicheren Halt suchen.

Im Hintergrund erkennbar: Die Sulzenau Hütte, Blaue Lacke und der Wilde Pfaff

Dann noch einige Meter weiter hinauf und wir haben es geschafft! Wir sind auf der Mairspitze und können hinunter in das Tal sehen aus dem wir gekommen sind. Die Sulzenau Hütte ist deutlich sichtbar, ebenso die "Blaue Lacke" oberhalb der Hütte. Fotos werden natürlich auch gemacht! Das erste Mal „Berg Heil!“ auf dieser Tour.

Blick zu den Feuersteinen
Ich muss mich etwas stärken – sprich reichlich trinken und etwas essen. Mir ist schon beim Aufstieg der Gedanke gekommen, dass ich auf der anderen Seite den Berg nun ja auch wieder hinunter muss. Hinunter empfinde ich aber in Hinblick auf Trittsicherheit und Schwindelfreiheit in der Regel schwieriger als hinauf. Nun, wenn ich rauf gekommen bin, werde ich auch wieder runter kommen!

Ja, und ich komme auch wieder hinunter. Langsam natürlich und auch wieder mit festhalten an der Drahtseilsicherung geht es die steilen Serpentinen wieder hinunter. Irgendwann wird der Weg wieder einfacher. Ich fühle mich wohl und stelle fest, dass ich mich zwar gut konzentrieren muss, dass ich aber aufgrund der professionellen Begleitung an keiner Stelle irgendwie Angst bekommen habe. Ein erfahrener Bergkamerad gibt mental eine Menge Sicherheit.

Letzter Blick zurück zum Gipfel der Mairspitze
Das Wetter scheint auch noch zu halten. Fragt sich nur wie lange, denn mein Bergkamerad geht zwar nach wie vor ruhig, will aber erst weiter unten eine Rast machen. Irgendwann können wir den gegenüber liegenden Bergrücken und das auf der Höhe befindliche Zollhaus sehen. Der Aufstieg für den morgigen Tag wird damit sichtbar.

Mittlerweile zieht es sich zu. Der Nebel ist wieder da. Und just in dem Moment taucht direkt vor uns die Nürnberger Hütte auf. Ich bin ziemlich überrascht, aber erfreut. Der Wandertag war wunderschön, für mich an einigen Stellen nicht einfach und wir waren lange unterwegs. Angegeben sind 3,5 bis 4 Stunden für den Weg. Wir waren inklusive Pausen fast das Doppelte unterwegs. Das heißt aber auch, dass wir für die nächsten Tage schönes, stabiles Wetter brauchen, denn verdoppelt man die angegebene Zeit für die Etappe Bremer Hütte zur Innsbrucker Hütte, würde das eine Tagestour von 12 bis 14 Stunden bedeuten!!!

Auf der Hütte klappt diesmal alles! Wir bekommen unsere reservierten Betten in einem schönen Zimmer mit zwei Fenstern. Rot-weiß karierte Bettwäsche in geschnitzten Holzbetten! „Heidi lässt grüßen!“
Nach einer warmen Dusche trinke ich eine heiße Schokolade und bin glücklich.
Sigerl schlägt vor, zwei Tage auf dieser Hütte zu bleiben. Wir könnten dann am nächsten Morgen zur Gamsspitze aufsteigen - mein erster Dreitausender! - und würden dann am übernächsten Tag zur Bremer Hütte weiterlaufen. Das bietet sich auch an, weil laut Wetterbericht das Wetter in den kommenden Tagen immer besser werden soll… Das Bergsteigeressen an diesem Abend ist schmackhaft und eine großzügige Portion. Der Rotwein sorgt für die nötige Bettschwere und ich falle todmüde ins Bett. Draußen ist jetzt alles dicht, es regnet - die Nachhut des Tiefausläufers?! Morgen soll es ja wieder schön werden.

Montag 21. Juli 2008
Wir werden morgens wach und es regnet leicht. Die Hütte liegt in dicken Nebelschwaden. Wir sind ausgeruht und hoffen darauf, dass es aufreißt. Nach dem Frühstück müssen wir feststellen, dass die Wetterprognose leider nicht ganz stimmt. Erst um 14:00 Uhr können wir noch aufsteigen. Es ist klar, dass die Gamsspitze jetzt nicht mehr unser Ziel sein kann, denn dafür laufe ich zu langsam.

Heute ist der Weg das Ziel. Einfach nur raus und bewegen, sonst kann ich mich Morgen vor Muskelkater nicht mehr bewegen. Ich merke die Anstrengung des Vortages in den Beinen. Es klart zwischendurch immer wieder auf. Wir können den Aufstieg der kommenden Wanderetappe auf der gegenüberliegenden Seite wieder sehen.

Blick zu den Feuersteinen, ganz links das Simmingjöchl, der Übergang zur Bremer Hütte

Auf dem Weg zur Seescharte (2762 m)

Nach zwei Stunden erreichen wir die Seescharte. Wir haben Glück - der Blick wird uns frei gegeben auf das Tal, aus dem wir am Vortag aufgestiegen sind! Den Grünausee können wir von hier oben zwar nicht sehen, aber dennoch ist der Ausblick und Weitblick einfach herrlich.

Gipfelgrat zum Gamsspitzl (3050 m)
Sigerl lässt mich mit Tee und Rucksack zurück und geht noch ein wenig weiter zur Gamsspitze. Ich genieße die Ruhe, den Ausblick und die Rast. Irgendwann nutze ich die Einsamkeit und singe das Magnifikat, schicke mein persönliches, aber stummes Gebet und das Vater unser hinterher. Ich stelle fest, dass ich erst einige wenige Minuten alleine bin, die mir dennoch wie eine kleine Ewigkeit vorkommen. Schönes Bild: Die Berge sind beständig, unbegreiflich und ewig – Gott ist es auch.

Eine Gams springt vom Gipfel des Gamsspitzls

Der Gipfel des Gamsspitzl (3050m)
Die Sonne im Gesicht und auf meinem Körper tut mir gut. Aber zwischendurch zieht auch Nebel durch. Ich finde die Atmosphäre dann mitunter etwas unheimlich. Der Gedanke daran, dass auch meinem erfahrenen Bergkameraden ja mal etwas zustoßen könnte, beunruhigt mich plötzlich. Nachdem mir klar wird, dass ich Bergküken ihn nicht suchen gehen kann, weil ich ihm nicht helfen könnte und ich folglich alleine zur Hütte hinunter müsste um Hilfe zu holen, werde ich zunächst etwas nervös. Ich beruhige mich aber wieder schnell. Ich bin nicht zum ersten Mal in den Bergen und ich bin auch schon alleine unterwegs gewesen, sicher da war der Weg vielleicht nicht so steil, aber verrückt machen ist Unfug. Objektiv ist Sigerl auch noch gar nicht lange unterwegs. Er möchte fotografieren, da braucht es auch Geduld. Wenn gerade Nebelschwaden durchziehen, muss er warten…

Gipfelblick in Richtung Seescharte

Zurück an der Seescharte, im Hintergrund die Urfallspitze (2805m)
Und dann taucht mein Weggefährte auch schon wieder auf. Er winkt und freut sich. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass nicht nur ich einen Moment der Gottesnähe erleben durfte, sondern auch er auf eine andere Weise einen erhabenen Moment erleben durfte: Er konnte auf der Gamsspitze eine einzelne Gams fotografieren!

Nur noch wenige Meter, hinter uns dunkle Wolken...
Wir steigen nun wieder ab zur Hütte. Wir kommen zwar langsam, aber zügig voran, da Sigerl mir die Chance gibt, mich an seine Fersen zu heften. Das gibt mir Sicherheit und verhindert an der einen oder andern Stelle den Tiefblick. Langsam fangen das Platten-Gehen und von Stein zu Stein hüpfen an, mir Spaß zu machen.

Ein letzter Gegenanstieg... und es wird immer dunkler...
Wir kommen an der Hütte an und es hat sich wieder völlig zugezogen. Das Essen ist wieder gut, aber heute sind die Duschen kalt. Also begnüge ich mich mit einer „Teildusche“. Das Wetter sieht gar nicht gut aus! Sigerl macht keinen erfreuten Eindruck. Er erklärt mir, dass der vor uns liegende Weg nicht einfach ist und bei Feuchtigkeit der Weg für mich noch schwieriger wird. Wir gehen ins Bett und hoffen auf besseres Wetter.

Dienstag 22.Juli 2008
Wir werden morgens wach und müssen feststellen, dass das Wetter gar nicht gut ist. Dicker Nebel und Schnee. Ich bin ein wenig traurig. Sollte meine erste Hüttentour damit beendet sein? Auch Sigerl ist traurig und besorgt. Für ihn ist klar, es muss bis 11:00 Uhr aufhören zu schneien, die Sonne muss rauskommen, damit wir weiter können. Mit mir braucht er ganz bestimmt sieben Stunden für den Weg zur Bremer Hütte und mit Schnee und schlechter Sicht ist der Weg für mich zu gefährlich und für ihn rein fotografisch nichts. Wir warten und hoffen. Zwischendurch wird es mal heller. Dann gegen Mittag fällt unsere einvernehmliche Entscheidung ins Tal abzusteigen. Es hilft alles nichts. Dick eingepackt mit Regenjacke steigen wir bei Schnee und Nebel ab ins Tal.

Blick auf das Langental

Die Langentalalm
Weiter unten im Tal wird es freundlicher. Wir können die Regenjacken wieder ausziehen. Gelegentlich kommt mal ein Sonnenstrahl durch. Aber dennoch war unsere Entscheidung richtig - am Himmel befindet sich eine Wolkenmasse. Im Tal angekommen müssen wir parallel zur Straße wieder ein wenig bergan laufen, denn das Auto steht ja oberhalb der Grawaalm.

Ein letzter Blick zurück...

Am Grawafall, fotografiert von Angela
Kurz vor erreichen der Alm werden wir durch den Anblick des Wasserfalls belohnt. So findet dann diese meine erste und kurze Hüttentour mit diesem Naturschauspiel noch einen schönen Abschluss.

Der Gletscherbach Ruetz

Grawaalm
Fazit: Eine Hüttenwanderung ist etwas sehr Schönes und ein wunderbares Erlebnis. Ich würde jederzeit wieder eine Hüttentour machen wollen. Nur reichte meine Kondition in diesem Jahr kaum für den Stubaier Höhenweg aus. Neben einer guten Grundverfassung kann ich jedem Wanderer nur raten für eine gut trainierte Oberschenkelmuskulatur zu sorgen. Die Trittsicherheit ist nicht gegeben, wenn mit schwerem Gepäck die Muskulatur bei größeren Trittstufen bergab das Gewicht nicht auffangen kann. Die Bewegungen werden unkontrolliert. Mir ist dieser Weg übrigens von einem Bergführer aus Tirol als gut machbar empfohlen worden! Das sehe ich heute etwas anders. Lieber erst mal eine technisch einfachere, ganz gemütliche Tour machen – auch um die Rucksackorganisation zu lernen und zu erfahren, was es heißt mehrere Tage ohne Pause zu wandern. Ich hatte übrigens nicht völlig unnötiges Zeug in den Rucksack gepackt, aber von allem ein wenig zuviel. Man braucht keine Mineralientabletten für eine ganze Expedition, neben einer Wanderhose und einer leichten Hüttenhose reicht die Skiunterhose als Ersatz für die Schlafanzughose. Bei schlechtem Wetter steigt man ohnehin ab… Die Summe aller vielen Kleinigkeiten erhöht hinterher das Gewicht enorm.
Nun, der Stubaier Höhenweg ist eindeutig ein schwarzer Bergpfad, der gute Kondition, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erfordert. Ich hätte sicher bei entsprechendem Bergwetter die folgenden zwei Tage genießen können, aber sie wären eindeutig eine Herausforderung im Hinblick auf meine physischen wie auch mentalen Fähigkeiten gewesen.
An dieser Stelle bedanke ich mich ganz besonders bei meinem Weggefährten Sigerl, der für mich den Bergführer gespielt hat und ganz geduldig mit mir war. Er hat einiges aufgefangen und ist mir an vielen Stellen eine mentale Stütze gewesen. Ich danke dir dafür!
Wenn du irgendwann eine „Schnecke“ für eine Fotosession brauchst, wandere ich gerne mit dir. ;-) Zum fotografieren kommst du dann auf jeden Fall.

Abzusteigen, war wohl die richtige Entscheidung.... und das mit der "Schnecke" überlege ich mir noch...